AMOS wird 50
Aktionstag und Feier am Freitag, 29. Juni 2018 in Bochum  und im Bahnhof Langendreer.

Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung des Völkermordes an den Herero und Nama im heutigen Namibia, der damaligen deutschen Kolonie "Deutsch-Südwestafrika", hat es eine Stellungnahme der Evangelischen Kirche Deutschlands gegeben, zu dem sich die Solidarische Kirche im Rheinland kritisch geäußert hat und eine klare Stellungnahme zur Beteiligung der damaligen Evangelischen Kirche bei der Unterstützung der Kolonialpolitik und dem Völkermord einfordert. 
AMOS dokumentiert diese Aufrufe und den Gemeindebrief aus Windhoek zur EKD-Stellungnahme.

Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika

Aufruf

zur historischen Verantwortung deutscher und namibischer Kirchen im Hinblick auf den Völkermord an den Herero und Nama 1904-1908

aus Anlass der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds, Mai 2017, Windhoek, Namibia

Die Weltöffentlichkeit ist in den vergangenen Jahren und Monaten immer wieder auf den Völkermord an den Herero und Nama in Südwestafrika/Namibia 1904-1908 aufmerksam gemacht worden.

Das Deutsche Reich verübte zwischen 1904 und 1908 in seiner damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika Völkermord. Das ist die nahezu übereinstimmende Meinung der Geschichts- und Genozidforschung. Auslöser war der Widerstand zuerst der Herero und dann der Nama gegen ihre schnell fortschreitende Enteignung und Entrechtung seit 1884, gegen Betrug und körperliche Übergriffe deutscher Soldaten, Händler und Siedler im Zuge der kolonialen Besetzung des heutigen Namibia.

Der Widerstand wurde auf Befehl und mit Rückendeckung höchster deutscher Stellen mit brutalen Mitteln gebrochen, wobei es sowohl gegen die Herero als auch anschließend gegen die Nama zum Völkermord kam. Schätzungsweise 80.000 von 100.000 Herero und 10.000 von 20.000 Nama sind dabei ums Leben gekommen. Der Krieg des Deutschen Reichs gegen seine „südwestafrikanischen Untertanen“ wurde als Vernichtungskrieg geführt (durch Vertreibung in die Omaheke-Wüste und den Tod durch Verdursten mit dem Ziel, „dass die Nation als solche vernichtet werden muss“), der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

 

Die vollständige Landenteignung der Herero und Nama sowie das Verbot, Großvieh zu halten, war die einschneidendste Maßnahme der Kolonialherren gegenüber der fast vollständig besiegten einheimischen Bevölkerung. Mit der gewaltsamen Wegnahme von Land, einem regelrechten Landraub, entzog man ihnen die entscheidende Lebensgrundlage.

 

Appell an die deutschen Kirchen im Reformationsjahr

 

Der Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), Bischof Munib Younan, hat sich im Januar diesen Jahres bei einer internationalen Konferenz zur Aktualisierung der Reformation in Wittenberg dafür eingesetzt, dass sich die deutschen Kirchen im Jahr des 500. Jubiläums der Reformation eindeutig zu ihrer Verantwortung im Hinblick auf den Völkermord in Namibia bekennen. Er hat „die deutschen Kirchen aufgefordert, mehr Druck auf die Politik auszuüben. 'Wir schätzen es, dass das deutsche Volk seiner Verpflichtung zur Wiedergutmachung dem jüdischen Volk gegenüber nachgekommen ist', sagte er. Es sei jedoch höchste Zeit, dass auch den Herero Gerechtigkeit widerfahre, die ebenfalls Opfer eines von Deutschland initiierten Genozids geworden seien. 'Dafür sollten sich die deutschen Kirchen im Reformationsjahr einsetzen.'“ (Interview in der Zeitschrift „welt-sichten“,

1. Februar 2017)

In besonderer Weise sind die deutschen Mitgliedskirchen des LWB sowie die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) als Vertretung aller deutschen Landeskirchen (etwa die Hälfte davon Mitgliedskirchen des LWB) zusammen mit den namibischen lutherischen Kirchen gefragt, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Hierbei kann der Lutherische Weltbund eine wichtige Rolle einnehmen, indem die Vollversammlung in Windhoek zum Völkermord Stellung bezieht.

 

 

Rolle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)

 

Durch ihre anhaltende, auf die Kolonialzeit zurückgehende besondere Beziehung zur Evangelisch-lutherischen Kirche in Namibia(ELKIN)/ Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche (DELK), einer Mitgliedskirche des LWB, trägt die EKD eine Mitverantwortung für das kirchliche und politische Geschehen in Namibia.

 

Im Jahr 1896 haben die Vorgängerorganisation der EKD, der preußische Evangelische Oberkirchenrat (EOK) sowie die damaligen deutschen Kolonialbehörden bei der Entstehung der Gemeinde Windhoek, der ersten deutschen Gemeinde in der Kolonie, eine entscheidende Rolle gespielt. 1910 wurde die Gemeinde Windhoek an den EOK angeschlossen. Die Synode der Deutschen Evangelischen Gemeinden in Namibia wurde zuerst an den EOK, nach 1922 an den Deutschen Evangelischen Kirchenbund (DEKB), nach 1933 an die Deutsche Evangelische Kirche (DEK) und nach dem 2. Weltkrieg an die neu gegründete EKD angeschlossen.

Seit 1960 versteht sich die Synode der deutschen Gemeinden als eigenständige Kirche, bleibt aber finanziell und vor allem personell weitgehend von der EKD abhängig. Die zehn Vorgänger des heutigen DELK Bischofs Burgert Brand kamen alle aus Deutschland.

 

Als Nachfolgerin des EOK trägt die EKD eine besondere Verantwortung für die Aufarbeitung der geschichtlichen Beziehungen zu der deutschen evangelischen Kirche in Namibia. Das betrifft insbesondere die Frage der Rolle des EOK und der deutschen evangelischen Gemeinde beim Völkermord von 1904-1908.

 

Einen weitaus größeren Anteil an der Bevölkerung als die DELK mit ihren etwa 5000 Mitgliedern vertritt die Evangelical Lutheran Church in the Republic of Namibia (ELCRN) mit ihren etwa 250 000 Mitgliedern. Sie geht auf die Missionsarbeit der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) zurück. Zwar war diese auch in die kolonialen Strukturen verstrickt. Anders aber als die EKD hat die heutige Vereinte Evangelische Mission (VEM), Nachfolgerin der RMG, 1990 ihre Mitschuld an Kolonialismus, Rassismus und Apartheid in Namibia bekannt.

 

Von der offiziellen deutschen Politik ist der Völkermord jahrzehntelang geleugnet worden. Inzwischen ist die deutsche Regierung bereit, den Vernichtungskrieg von 1904-1908 als solchen anzuerkennen. Bundestagspräsident Norbert Lammert hat im Juli 2015 den Vernichtungskrieg an den Herero und Nama zum ersten Mal als Völkermord bezeichnet. Von der Bundesregierung wurde er im Juli 2016 offiziell als Völkermord anerkannt. Die Frage der Entschädigungen ist bisher allerdings noch nicht geklärt.

 

Kritik an der EKD

 

In einer Öffentlichen Erklärung hat die Solidarische Kirche im Rheinland - ein Zusammenschluss von etwa 180 Mitgliedern der Evangelischen Kirche im Rheinland in der Tradition der Bekennenden Kirche - im Juli 2015 die EKD aufgefordert, „die kirchliche Mitschuld für den Völkermord an den OvaHerero und Nama endlich an(zu)erkennen“. Der Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA) hat sich diese Erklärung im Februar 2016 zu eigen gemacht. In ihr werden einzelne historische Sachverhalte genannt, die zusammengenommen auf eine Beteiligung des Ev. Oberkirchenrats (EOK) und der damaligen deutschen Gemeinde in Windhoek am Völkermord hinweisen.

 

Wörtlich heißt es:

·         In der Gemeinde Windhoek wird der Altar im Gottesdienst mit einer Reichskriegsflagge drapiert, und die Lieder werden aus dem Militärgesangbuch angestimmt.

·         Im Februar 1904 wird die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet.

·         Der Windhoeker Gemeindepfarrer Wilhelm Anz ist dankbar, dass er die kriegerischen Operationen gegen die Herero mit großen Feldgottesdiensten begleiten darf.

·         Der Militärpfarrer Max Schmidt ist an den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nama im Süden Namibias beteiligt.

 

Christuskirche

 

Die 1910 fertiggestellte Christuskirche in der Stadtmitte von Windhoek, Symbol der 30jährigen deutschen Kolonialherrschaft von 1884-1915, war ein Zeichen des Sieges über die aufständischen afrikanischen Völker. („Die erste evangelische Kirche des Landes“ „sollte mit der steinernen Wucht ihres Baues die vielen Backsteinkirchlein der Mission überdauern.“ Pfr. W. Anz). Im Laufe der folgenden Jahrzehnte bis hin zum 100jährigen Jubiläum 2010 wurde die Christuskirche immer wieder als Symbol für den Anspruch der deutschen Siedler auf das Land, für Kolonial-Revision und Kolonial-Nostalgie eingesetzt.

Auf den großen Gedenktafeln im Inneren der Kirche wird ausschließlich der mehr als 2000 deutschen Toten („für Kaiser und Reich Gefallenen“) gedacht. Die etwa 90 000 Opfer des Völkermords werden mit keinem Wort erwähnt. Somit war die Christuskirche Teil einer imperialen Machtdemonstration.

In der Zeit der Apartheid wurde die kleine deutsche Minderheit im von Südafrika besetzten Namibia durch die Südafrikanische Regierung großzügig unterstützt und die Christuskirche aufwändig renoviert. Ihr Abbild erschien auf südafrikanischen Banknoten und Briefmarken. Bis heute hat eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte der Christuskirche in der Windhoeker Gemeinde nur ansatzweise stattgefunden.

Hundert Jahre lang war die Christuskirche im Besitz der EKD, im Jahr 2010 überschrieb sie die Besitzrechte an die Windhoeker Gemeinde der DELK.

Wir fordern die EKD und den LWB auf, sich dafür einzusetzen, dass die Christuskirche zum Symbol einer vereinigten lutherischen Kirche Namibias wird.

 

Konsultation und Erklärung

 

Inzwischen hat es Ende Januar 2017, im Vorfeld der Vollversammlung eine "Ökumenische Konsultation zum Völkermord" in Okahandja, Namibia, gegeben, an der folgende Kirchen beteiligt waren: die Evangelical Lutheran Church in the Republic of Namibia (ELCRN), die Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia (ELKIN – DELK), die African Methodist Episcopal Church (AMEC), die Oruuano Kirche in Namibia (Oruuano), die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR), die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die Vereinte Evangelische Mission (VEM).

 

Nicht beteiligt waren bei dieser ökumenischen Konsultation der LWB und die Evangelical Lutheran Church in Namibia (ELCIN), mit etwa 700 000 Mitgliedern die größte lutherische Mitgliedskirche des LWB in Namibia - und auch nicht die übrigen Mitgliedskirchen des Council of Churches in Namibia (CCN).

 

In der Schluss-Erklärung heißt es: "Trauma und Schuld kann von Generation zu Generation vererbt werden. Viele namibische Nachkommen tragen bis heute an dieser traumatischen Erfahrung. Die Kirche verwirklicht ihre spirituelle Verantwortung, einen Beitrag zur Schaffung eines Umfeldes zu leisten, in dem ein breit angelegter Heilungsprozess stattfinden kann. Diese ökumenische Konsultation fordert alle Akteure auf, bei der Behandlung dieser Frage Sensibilität anzuwenden.“

Die Übernahme  von Verantwortung seitens der EKD und des LWB und aller namibischen Kirchen muss über den Inhalt dieser Erklärung hinausgehen. Spiritualität und Sensibilität reichen nicht aus, gefragt ist auch soziale und politische Verantwortung.

 

Aufforderung zum Handeln

 

·         Die EKD wird aufgefordert, ihre bisherige Zurückhaltung aufzugeben und sich zur historischen Mitverantwortung am Völkermord zu bekennen.

 

·         Insbesondere die EKD, aber auch der LWB und die namibischen lutherischen Kirchen sollen dazu beitragen, dass den Nachfahren der Opfer zu ihrem Recht verholfen wird.

 

·         Die EKD, der LWB und die namibischen lutherischen Kirchen werden aufgefordert, dazu beizutragen, dass die Christuskirche zum Symbol einer vereinigten lutherischen Kirche Namibias wird.

 

Aus Anlass und am Ort der kommenden Vollversammlung der aus der lutherischen Reformation entstandenen Kirchen sollte es gerade in Windhoek unter dem Thema „Befreit durch Gottes Gnade“ zu einem Prozess der Anerkennung der historischen Mitverantwortung am Völkermord kommen. Das Bekenntnis von Schuld und die Verpflichtung zur Wiedergutmachung den Herero und Nama gegenüber sind erste Schritte zur möglichen Heilung der Erinnerungen.

 

Mainz, 11. März 2017. Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA), Jahrestagung

 

c/o Dr. Markus Braun, Simrockstr. 21, 50823 Köln, Deutschland, e-mail:  Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Der Aufruf wurde verfasst in Zusammenarbeit mit Pfr. Gerd Decke, früher Referent im Lutherischen Weltbund und Berliner Missionswerk.

 

 

Der MAKSA setzt sich seit 1972 zusammen mit anderen kirchlichen Solidaritätsgruppen in Deutschland für Gerechtigkeit in den Beziehungen zum Südlichen Afrika ein. Die meisten Mitglieder von MAKSA haben dort jahrelang als kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelebt und gearbeitet. Einige wurden in der Apartheid-Zeit von der damaligen Regierung ausgewiesen. Gründungsort war Mainz.

 

Der Aufruf wird unterstützt von der Arbeitsgruppe Solidarische Kirche im Rheinland: www.solidarischekirche.de

 

Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA)

 

p. A. Dr. Markus Braun, Simrockstr. 21, 50823 Köln, Tel:  (0221) 2942 9760, e-mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 


Reaktion auf die EKD-Erklärung „Vergib uns unsere Schuld“

 

Es ist erstaunlich, dass kurz vor der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds (LWB) vom 10. bis 16. Mai 2017 in Windhoek/Namibia die EKD  erstmalig eine Erklärung zum Völkermord im früheren Deutsch-Südwestafrika abgibt, nachdem sie im Gedenkjahr 2004 sich zwar zum Völkermord an den Armeniern und der Verantwortung der Türkei dafür geäußert hat, nicht aber zu ihrer eigenen Verantwortung für den Völkermord im heutigen Namibia. Von der Evangelischen Kirche im Rheinland war sie im Gedenkjahr 2004 ausdrücklich dazu aufgefordert worden - danach zu wiederholten Malen vergeblich von kirchlichen Gruppen wie dem Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA)  und der Solidarischen Kirche im Rheinland. 

 

In der Erklärung findet die EKD große und bedeutungsvolle Worte. In der Überschrift wird die fünfte Bitte des Vaterunsers nach Matthäus 6, 12 wiedergegeben. Die EKD bekennt ihre Schuld als „Nachfolgeinstitution des einstigen Evangelischen Preußischen Oberkirchenrats, der seinerzeit im Auftrag aller deutschen evangelischen Landeskirchen handelte“. „Als Evangelische Kirche in Deutschland bekennen wir uns heute ausdrücklich gegenüber dem ganzen namibischen Volk und vor Gott zu dieser Schuld. Wir bitten die Nachfahren der Opfer und alle, deren Vorfahren unter der Ausübung der deutschen Kolonialherrschaft gelitten haben, wegen des verübten Unrechts und zugefügten Leids aus tiefstem Herzen um Vergebung.“

 

Konkret wird als „große Schuld, die durch nichts zu rechtfertigen ist“ zuvor als einziger Tatbestand genannt, dass „die zu pastoralen Diensten an den deutschen evangelischen Siedlern und Schutztruppen durch den Evangelischen Preußischen Oberkirchenrat entsandten Pfarrer dem von Deutschen verübten Völkermord bis auf wenige Ausnahmen nicht gegenübertraten.“

 

Die historischen Fakten belegen, dass es zwischen 1900 und 1910 drei Pfarrer waren, die im Auftrag des evangelischen-preußischen Oberkirchenrats im damaligen Deutsch-Südwestafrika tätig waren: Die beiden Windhoeker Gemeindepfarrer Wilhelm Anz und Johannes Hammer sowie der Divisionspfarrer Max Schmidt, die in dem Zeitraum 1900 - 1910 ihren Dienst in Namibia taten. Von „wenigen Ausnahmen“, die sich laut Erklärung der EKD anders als diese drei Pfarrer verhielten, ist nichts bekannt. 

Von den deutschen Siedlern, den Kolonialtruppen und deren Befehlshabern, die in dieser Zeit die entstehende deutsche evangelische Gemeinde Windhoek gebildet haben, aus der sich im Laufe der Zeit die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche (DELK) entwickelte, ist in dem Schuldbekenntnis nicht die Rede. Die DELK selbst, eine Partnerkirche der EKD und eine Mitgliedskirche des LWB, deren Entstehung mit dem Völkermord von 1904 - 1908 zusammenhängt, hat bisher noch kein Schuldbekenntnis ausgesprochen.

 

Für die Verfasser der EKD-Erklärung kommt dem EKD-Studienprozess zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der Rolle der Kirchen und Missionswerke während der Kolonial- und der Apartheidzeit eine zentrale Bedeutung zu. Dieser Studienprozess hat in der Zeit von 2007- 2015 stattgefunden und seinen Niederschlag in zwei umfangreichen Sammelbänden mit je über 700 Seiten gefunden. Der damalige Vorsitzende des Rats der EKD. Nikolaus Schneider, sprach in seinem Vorwort zu dem ersten Sammelband als „großen Wunsch“ aus, „dass die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit nicht nur hilft, Vergangenes besser zu verstehen, sondern auch Schuld zu erkennen.“ In der nun vorliegenden EKD- Erklärung nehmen die Verfasser die Formulierung von Schneider auf, schreiben aber anstelle von „Schuld erkennen“ „die Wunden der Vergangenheit zu heilen und eine friedliche und gerechte Zukunft mitzugestalten.“

 

Das ist bezeichnend. Schon für die Herausgeber des 1. Sammelbands gelten „Fragen von Schuld und Wiedergutmachung“ als „Verengung“. In dem ersten Sammelband kommen die Begriffe „Schuld“ und „Wiedergutmachung“ mit einer Ausnahme überhaupt nicht vor, dagegen wird der Begriff der „Versöhnung“ immer wieder in den Vordergrund geschoben (dazu Markus Braun „Völkermord verjährt nicht. Kommentar zum EKD-Studienprozess zum kolonialen südlichen Afrika, in: Berliner Beiträge zur Missionsgeschichte 17, 2014, S.39).

 

Einen ähnlichen Vorgang kann man auch bei der vorliegenden Erklärung der EKD feststellen: Nachdem das große Schuldbekenntnis der EKD gegenüber dem „gesamten namibischen Volk und vor Gott“ ausgesprochen und auf Personen und Einrichtungen verwiesen worden ist, die schon vor „fast 50 Jahren“, 1971, ihre Schuld bekannt haben, ist von einer besonderen Schuld der EKD nicht mehr die Rede.

1971 aber waren es, anders als nach der Darstellung der EKD-Erklärung suggeriert wird, nicht Vertreter der EKD, sondern Mitarbeiter der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM), einer von der EKD unabhängigen Einrichtung, die ihre Schuld bekannten. 1978 und 1990 folgte die Missionsleitung der VEM. Diese hat als Nachfolgerin der Rheinischen Missionsgesellschaft  ihre Mitschuld an Kolonialismus, Rassismus und Apartheid im Rahmen der Unabhängigkeitsfeier im Stadion von Windhoek vor den Repräsentanten des unabhängigen Namibia bekannt. Was den jahrelangen EKD-Studienprozess betrifft, so ist in dem ersten Sammelband vom Völkermord und seinen Konsequenzen für die folgenden Generationen nur am Rand, in dem zweiten überhaupt nicht die Rede.

 

Ohne dass von  Vergebung, Versöhnung und Wiedergutmachung die  Rede ist, schreibt die EKD: „Wir sind uns.... der Lasten bewusst, die Nachkommen von Opfern und Tätern tragen. Mit ihnen möchten wir gemeinsam den schwierigen Weg der Benennung, der Heilung und der Überwindung von Traumata und Schuld gehen, so dass zukünftige Generationen ein geheiltes und versöhntes Leben in Namibia und Deutschland führen können.“  Aus dem außerordentlich schwierigen Prozess, der dazu nötig ist, hält die EKD sich heraus. Über entscheidende Fragen zu Wiedergutmachung, Reparationen und ungerechter Landverteilung, die schon seit Monaten im Mittelpunkt der Verhandlungen zwischen den politischen Vertretern von Namibia und Deutschland stehen, verliert sie kein Wort.

 

Der Präsident des LWB, Bischof Munib Younan, hat sich im Januar diesen Jahres bei einer internationalen Konferenz zur Aktualisierung der Reformation in Wittenberg dafür eingesetzt, dass sich die deutschen Kirchen im Jahr des 500. Jubiläums der Reformation eindeutig zu ihrer Verantwortung im Hinblick auf den Völkermord in Namibia bekennen. Er hat „die deutschen Kirchen aufgefordert, mehr Druck auf die Politik auszuüben. 'Wir schätzen es, dass das deutsche Volk seiner Verpflichtung zur Wiedergutmachung dem jüdischen Volk gegenüber nachgekommen ist', sagte er. Es sei jedoch höchste Zeit, dass auch den Herero Gerechtigkeit widerfahre, die ebenfalls Opfer eines von Deutschland initiierten Genozids geworden seien. 'Dafür sollten sich die deutschen Kirchen im Reformationsjahr einsetzen.'“ (Interview in der Zeitschrift „welt-sichten“, 1. Februar 2017)

 

Von den gegenwärtigen Partnerschaftsbeziehungen wird in der EKD-Erklärung zwar gesagt, dass sie „Folge und Ausdruck des kolonialen Ursprungs unser Beziehungen“ sind, aber nicht welche besonderen Konsequenzen die EKD aus dieser Schuldgeschichte ziehen will.

Konkret geht es darum, dass die EKD noch immer besondere Verträge mit der DELK unterhält, die sie verpflichten, die DELK durch die Entsendung von Pfarrern und Pfarrerinnen zu unterstützen. In der aktuellen Praxis stammt die Mehrheit der in der DELK tätigen Pfarrer und Pfarrerinnen noch immer aus Deutschland. Bis 2015, dem Jahr der Wahl von Bischof 

B. Brand, traf das auch auf seine zehn Vorgänger zu. Der MAKSA hat seit 1971 die EKD aufgefordert, diese Separatbeziehungen, die die DELK unterstützen und ihr eine zusätzlich privilegierte Stellung verschaffen, zu beenden. Der LWB hat bei seiner Vollversammlung in Budapest 1987 dasselbe gefordert. Es ist an der Zeit, dass EKD und DELK ihre gegenseitige Abhängigkeit beenden.

 

Der MAKSA begrüßt die konkreten Handlungsschritte, die von der EKD in der Erklärung formuliert werden, wie

Völkermord als Völkermord anerkennen,

eine neue Nutzung der Christuskirche

eine Neustrukturierung der kirchlichen Beziehungen. 

Sie werden in Windhoek bei der Vollversammlung des LWB als konstruktive Schritte gesehen werden. Es sind außerdem Schritte, die schon seit vielen Jahren von kirchlichen Gruppen wie dem MAKSA oder der Solidarischen Kirche im Rheinland gefordert werden.

 

Für den Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika, 2. Mai 2017

Frauke Heiermann, Oberhausen

Markus Braun, Köln

 

in Zusammenarbeit mit Gerd Decke, Berlin

 

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