Die Reformation Radikalisieren – provoziert von den heutigen Krisen

 

Es wälze sich heran wie Wasser das Recht

und Gerechtigkeit wie ein starker Strom (Amos 5,24)

Gerechtigkeit ist der Schrei der Mehrheit der Weltbevölkerung – unseres Planeten, der seit 500 Jahren der Logik, dem Geist und der Praxis des imperialen Kapitalismus unterworfen ist.

Gerechtigkeit ist der rote Faden der Schrift – der hebräischen Bibel und der messianischen Schriften des Zweiten Testaments.

„Befreiung zur Gerechtigkeit“ ist der Titel des ersten Bandes unserer Buchserie „Die Reformation radikalisieren“.

Martin Luther formulierte angesichts des entstehenden Frühkapitalismus:

"Sollen die (Bank- und Handels-)gesellschafften bleyben, so mus recht und redlickeyt untergehen. Soll recht und redlickeyt bleyben, so mussen die gesellschafften [Jes. 28, 20] unter gehen" (Von Kaufshandlung und Wucher, 1524)

Die jüngsten Katastrophen, die diese kapitalistische Zivilisation produziert hat sind die Klimakatastrophe und die anderen Krisen, die Millionen Menschen aus ihrer Heimat treiben und zu Flüchtlingen machen. Diese Zivilisation tötet und ist zugleich selbstmörderisch. Sie muss langfristig ersetzt werden durch eine Kultur, die auch in Zukunft Leben möglich macht. Aber es gibt konkrete Krisen, wo wir Widerstand und Transformation sofort beginnen müssen und können. Wir laden Menschen aller Glaubensgemeinschaften und insbesondere christliche Kirchen in der Tradition der Reformation ein, auf den Kairos zu antworten und

  1. den ökumenischen Konsens umzusetzen durch Verwerfung der vieldimensionalen kapitalistischen Zivilisation und durch Arbeit an gerechten und  Leben ermöglichenden Alternativen;
  2. Gerechtigkeit für PalästinenserInnen und Israelis zu schaffen durch die Verwerfung der notorischen Verletzung des Menschen- und Völkerrechts gegenüber den PalästinenserInnen durch den Staat Israel und auch durch die Verwerfung der Unterstützung der Besetzung des Westjordanlands und des Gazastreifens durch den christlichen Zionismus und westliche Politik und Wirtschaft;
  3. und am weltweiten Kampf der Kleinbauern teilzunehmen, indem sie Agrobusiness und Landraub verwerfen und lebensförderliche landwirtschaft unterstützen;
  4. alle militärische, sexuelle, rassistische und strukturelle Gewalt zu verwerfen und an gewaltfreien Aktionen für das leben teilzunehmen;
  5. partizipatorische Institutionen in den Glaubensgemeinschaften, Gesellschaften und der Politik zu entwickeln – auf der Basis, dass kein Mensch illegal ist, sondern alle das Bild G'ottes in sich tragen.

 

I. Gerechtigkeit durch die Überwindung der kapitalistischen Zivilisation

 

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Lukas 16:13)

Wir glauben, dass Jesus von uns eine endgültige Entscheidung zwischen Gott und Mammon fordert. Alle Menschen haben das Recht auf Gerechtigkeit, Freiheit, Würde und Frieden. Daher kritisierte Martin Luther scharf das sich entwickelnde ungerechte und alle Menschen unterdrückende kapitalistische System. Das alles beherrschende kapitalistische Modell entwickelt zunehmend eine totalitäre Herrschaft mit ihren Konsequenzen. Das immense Anwachsen erzwungener Migration ist eine der Konsequenzen. Die große Zahl von Flüchtenden, die nach Europa kommen, ist die Folge aus der Sünde derjenigen „politischen Ökonomie“, die Waffen und Kriege in die angrenzenden Länder exportiert. Die erzwungene Migration unausgebildeter Arbeiter überall auf der Welt ist die Folge von Mechanismen der post-kapitalistischen Akkumulation, die getragen ist von der neoliberalen Wirtschaftsstrategie.

Wir bekennen, dass wir Teil einer „babylonischen Gefangenschaft“ sind, die die konstruktive Macht des revolutionären Geistes der Reformation und Bürgerliche und soziale Rechte zerstört.

Wir verwerfen alle Arten von Systemen und Praktiken, die Freiheit, Demokratie und Teilhabe verhindern.

Wir appellieren an die Kirchen und alle, die ihren Glauben leben, die „Weisheit“ des gierigen Geldes zu verwerfen und sich der Weisheit des Kreuzes anzuvertrauen, ebenso für die Rekonstruktion der politischen und sozialen Systeme, wie auch der religiösen Institutionen zu arbeiten, damit die Würde und der Wert von Menschen erhalten bleiben.

Wir appellieren an die Christen und die Kirchen neue Wege der Mission zu entwickeln um die politischen Systeme zu transformieren, so dass sie humaner werden.

Wir appellieren auch an die Gemeinden, Synoden und missionarische Einrichtungen der Kirchen Aktivitäten für Frieden und Gerechtigkeit in der Gesellschaft

Wir verpflichten uns selbst

-          unverfälschten christlichen Glauben und reformatorische Spiritualität weiterzutragen

-          den Kräften in Gesellschaft und Politik entgegenzutreten, die Gewalt, Armut, Verelendung und die Verehrung der Geldvermehrung befördern.

-          Ressourcen für die Gemeinden bereitzustellen, die helfen, konkrete politische Aktionen zu realisieren, die zu größerer ökonomischer Gleichheit und Gerechtigkeit führen.

 

II Interreligiöse Solidarität für Gerechtigkeit in Palästina/Israel

 

                                               „Barmherzigkeitsgefäße zu sein, dazu hat Gott uns herausgerufen –
nicht nur aus dem jüdischen Volk, sondern auch aus den
*anderen Völkern.

(Römerbrief 9,24)

Wir glauben mit dem Apostel Paulus, dass im Messias Jesus die ethnischen, Klassen- und Genderspaltungen und Machtasymmetrien überwunden sind (Galaterbrief 3,28). Wir sind überzeugt, dass der nachkonstantinische christliche Antijudaismus und speziell Luthers abscheuliche und grausame Pamphlete gegen die Juden, die von den Nazis als Rechtfertigung für ihren Mord an Millionen von Menschen benutzt wurden, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind. Aber wir sind auch der festen Überzeugung, dass CristInnen und Kirchen diese Verbrechen nicht damit wieder gut machen können, dass sie zu den nicht hinzunehmenden Verletzungen der Menschenrechte und des Völkerrechts schweigen, die der Staat Israel durch seine Kolonisierung des historischen Palästinas über die von der UNO anerkannten Grenzen hinaus und durch die ethnischen Säuberungen an Palästinenserinnen und Palästinensern vornimmt.

Wir bekennen, das wir selbst Teil dieser langen Geschichte des christlichen Antijudaismus und auch des Schweigens der christlichen Kirchen angesichts der unerträglichen Unterdrückung der Palästinenser sind.

Wir verwerfen alle Formen von Antisemitismus und gleichzeitig alle Theologien, die die Enteignung und andauernde Unterdrückung der Palästinense unterstützen und legitimieren. Ebenso verwerfen wir die dem Schweigen der Kirchen zugrunde liegende Kirchentheologie, die Versöhnung und Dialog ohne Gerechtigkeit predigt.

Wir rufen unsere Kirchen, einschließlich der EKD, dazu auf, Luthers antijüdische Schriften öffentlich zu verwerfen und sich gleichzietig klar an die Seite ihrer Schwesterkirchen und Menschen aus allen Glaubensgemeinschaften in Palästina/Israel und weltweit zu stellen, die ihre Regierungen dazu herausfordern, alle Hilfsprogramme und Kooperation mit dem Staat Israel an die Befreiung Palästinas im Sinn der Beschlüsse der UNO und der grundlegenden Prinzipien der Menschenrechte zu binden. Dies wird auch dazu helfen, den Staat Israel davon zu befreien, Unterdrücker zu sein. Wir bitten alle Kirchen, dem Beispiel der vielen Kirchen u.a. in den USA, Südafrika, Schottland zu folgen, die die gewaltfreien Maßnahmen des Boykotts, der Desinvestition und der Sanktionen (BDS) unterstützen, wie sie von der palästinensischen Zivilgesellschaft schon 2005 gefordert wurden – und dies insbesondere angesichts der nunmehr 50 Jahre illegaler Kolonisierung des Westjordanlands und der unmenschlichen Blockade des Gazastreifens.

Wir verpflichten uns, für Frieden und Gerechtigkeit in Palästina/Israel zu beten und selbst auf allen genannten Ebenen theologischer und politischer Verpflichtungen zu arbeiten. Das schließt die Herausforderung ein, bekennende Kirche zu werden, sich in gewaltfreiem zivilen Ungehorsam zu engagieren, Flüchtlinge aus der Region aufzunehmen und mit Menschen jeden Glaubens und jeder Überzeugung zusammenzuarbeiten, um dort und hier eine Kultur des Lebens zu entwickeln.

 

III: Ökologisch sensible Landwirtschaft und Landverteilung

 

“Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet” (Römer 8,22).

Wir glauben, dass Gottes Mission für ein Leben in Fülle alle Christen und Christinnen und alle Kirchen verpflichtet, am ökumenischen Prozess für “Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung” intensiv teilzunehmen. Wenn wir wirklich auf die radikalen Stimmen der Reformation hören wollen, müssen wir  aus einem Weltwirtschaftssystem aussteigen, das in Landraub und Naturzerstörung mündet. Das biblische  Landverständnis betont die Werte der Subsistenz und kämpft für gesunde Beziehungen zwischen Land und Menschen.

Wir bekennen, dass Luther gegen die Bauern die feudal-ständische Ordnung unbiblisch sakralisiert hat und dass spätere lutherische Traditionen daraus die falsche Konsequenz gezogen haben, Ökonomie und Politik für eigengesetzlich zu erklären, obwohl Luther das frühkapitalistische Wirtschaftssystem klar verwarf.  Wir bekennen, dass sich auf dieser Basis Kirchen später an die Modernisierung, Industrialisierung und finanzielle Spekulation mit der Landwirtschaft angepasst haben und dass die protestantische Arbeitsethik und das spirituelle Interesse an materiellem Erfolg sogar für die ideologische Untermauerung des Kapitalismus sorgten. Kirchen und Theologen vertraten oft eine Ideologie und Theologie der Entwicklung, die das unterstützen.

Wir verwerfen das imperiale hegemoniale System von neoliberaler Politik, Finanzkapitalismus und seinen Modellen des Agribusiness, das schwere Ungleichheiten in den Beziehungen von Produktion und Handel hervorruft. Die fortdauernde Landentfremdung, Landkonfiszierung und das Verhindern von Subsistenzwirtschaften sind ebenso wie die wachsende Praxis von Monokulturen wirtschaftlicher Missbrauch. Genetisch verändertes Saatgut und der intensive Einsatz von Pestiziden sind extraktive Produktionsmodelle mit hohem Risiko für Menschen und Umwelt.

Wir rufen unsere Kirchen dazu auf, sozial-ökonomische Gerechtigkeit und Umweltgerechtigkeit als Schlüsselaufgaben für ihren Auftrag zu begreifen. Es sind Räume für  Reflexion, Auseinandersetzung und Alternativvorschläge aus einer Befreiungsperspektive auf Landwirtschaft und Landnutzung zu schaffen.

Wir verpflichten uns, Seite an Seite mit solchen Bewegungen zu kämpfen, die bessere Land-Mensch-Beziehungen anstreben, zu helfen, die Agrarpolitik unserer Kirchen und Gesellschaften weiterzuentwickeln und diese Themen in Bildungsprogramme zu integrieren. Wir unterstützen die Bemühungen, die UN-Erklärung über dir Rechte der Landwirte anzuerkennen und umzusetzen.

 

IV. Gerechtigkeit durch gewaltfreie Aktion

"Meinen Frieden lasse ich Euch. Meinen Frieden gebe ich euch Joh 14,27

Wir glauben, dass das Evangelium seinem Wesen nach das „Evangelium des Friedens“ ist (Epheserbrief 6,15). Bei diesem Frieden geht es nicht allein um den Frieden der Menschheit mit Gott, sondern auch um den Frieden unter den Menschen und mit der Schöpfung. Das Evangelium ist in sich selbst gewaltfrei – verheißend, einladend, willkommen heißend, bezeugend – niemals erzwingend und aufdringlich. Angesichts der gegenwärtigen Krisen bedeutet das: Frieden mit Gerechtigkeit

Wir bekennen, dass gewaltfreie Aktion ein wesentliches Merkmal des christlichen Zeugnisses in der Welt ist. Gewalt kann niemals als Mittel zur Erreichung eines Zieles dienen, denn Gott hat alle Dinge mit sich versöhnt (Kolosserbrief 1, 29f.). Frieden praktizieren bedeutet, teilzunehmen an disziplinierter und organisierter gewaltfreien Aktion, um spezielle Kontexte zu ändern, die sozialen Wandel nötig haben.

Wir verwerfen alle Formen von Gewalt – strukturelle Gewalt, technische Gewalt, militärische Gewalt, physische und psychologische Gewalt jeder Art. Weiter verwerfen wir den internationalen Waffenhandel, der Gewalt rund um den Globus aufrecht erhält. Wie universal Gewalt ist, wird besonders in der vorherrschenden Praxis deutlich, andere als „Feinde“ zu identifizieren, insbesondere, wenn man andere zu Sündenböcken macht. Jesus starb als der endgültige Sündenbock, um die Spiralen der Furcht zu beenden, die uns dazu führen, andere zu Sündenböcken zu machen. Dieses Verständnis von Versöhnung brauchen wir dringend in diesem historischen Augenblick

Wir rufen unsere Kirchen auf, den Segen von Gottes ganzheitlichen Frieden zu empfangen: Leben spendende Beziehungen mit Gott, anderen Menschenun der ganzen Schöpfung. Frieden zu praktizieren. Dies bedeutet, ohne Gewalt zu leben, zu sprechen und zu handeln. Frieden praktizieren beginnt damit, wie man spricht – ohne rhetorische Gewalt. Frieden praktizieren bedeutet das Tun des Gerechten: zuhören, willkommen heißen, vergeben, teilen, geben, heilen, barmherzig sein und helfen. All dies sind Taten des Widerstands gegen Gewalt. In diesem Kontext sind wir gerufen, gegenseitigen und bewussten Dialog aufzubauen – besonders im Blick auf die Verschiedenheit von Herkunft, Volkszugehörigkeit, sexueller Orientierung, politischer Loyalität und besonders Religion – um gegen Vorurteile und Stereotype anzugehen, damit Menschlichkeit und harmonisches Leben wachsen können.

Wir verpflichten uns, am gemeinsamen Leben aller teilzunehmen in einer politischen Gemeinschaft, die einzig durch friedliche Handlungsweisen charakterisiert ist. Frieden praktizieren bedeutet, nachhaltig die Bemühungen der „Dekade zur Überwindung von Gewalt“ aufrecht zu erhalten , dabei realistisch die eigene Verantwortung einzuschätzen, weil nur so Frieden in der Welt gelingen kann.

 

V: Gerechtigkeit durch  die Pflege von Praktiken des >Widerstands und der Transformation

 

Denn er ist unser Friede. Er hat aus beiden, Fernen und Nahen, ein Volk gemacht und die trennende Zwischenwand eingerissen. Die Feindschaft überwand er durch sein Leben.“ (Eph 2,14)

 

Wir glauben, dass die durch die Reformation entdeckten theologischen Einsichten Menschen aus Furcht und Gefangenschaft im herrschenden System befreien allen Personen (allein aus Gnade) eine eingeborene Würde und Bedeutung geben, und uns ermächtigen, uns für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einzusetzen für Mitmenschen in der ganzen globalen Gemeinschaft. Luther setzte sich mit den systemischen Herasforderungen seiner Zeit auseinander. Genau das mürssen wir heute auch.

Wir bekennen, dass wir zu oft diejenigen, die nicht wie „wir“ glauben, aussehen oder leben, so ansehen, als seien siew nicht nach dem Bild Gottes geschaffen.  Dieser Dualismus des „Wir“ gegen „Sie“ steht in direktem Gegensatz zum Herz des Evangeliums Wir versuchen, wirksamere Vermittler der öffenlichen Implikationen dieses Evangeliums, das diejenigen hätte umwandeln können, die – aus Wut und Frustration – auf populistische Aufrufe reinfallen, die denjenigen die Schuld zuschieben, die verschieden von uns sind.

Wir verwerfen Ausdrucksformen der Mehrheitsdiktatur und Fremdenfeindlichkeit, die heutzutage viele Menschen anziehen. Wir verwerfen auch den Missbrauch von Religion zur Distanzierung und Ausbeutung anderer statt Brücken zu Menschen anderen Glaubens und anderer Ausrichtung zu bauen.

Wir rufen Kirchen und Erziehungsinstitutionen auf, befreiende öffentliche Theologie zu pflegen, die effektiv und transformativ auf systemisch ökonomische, politische und ökologische Ungerechtigkeiten  einwirken kann, die die Grundursachen für das sind, was die Menschen erfahren und fühlen und wofür die Regierungen zur Rechschaft gezogen werden müssen

Wir verpflichten uns, mitMigrantinnen und unseren neuen Nachbarn als Gleiche unter Gleichen zu leben, Beziehungen zu entwickeln und offen dafür zu sein, uns durch diese Beziehungen verändern zu lassen. Wir bitten Gemeinden und andere Gemeinschaften dringend, sich in kritischen Bibelstudien mit den dringenden systemischen Herausforderungen in ihren lokalen und globalen Kontexten auseinanderzusetzen und Menschen zu befähigen, ihr Leben beeinflussende Systeme kritisch wahrzunehmen und zu reflektieren, diesen Widerstand entgegenzusetzen und sie zu transformieren, damit sie der Würde und Gerechtigkeit für alle dienen.