Aus AMOS Nr. 3-2017 veröffentlichen wir hier den dort abgedruckten Artikel "Strukturwandel - Wo bleibst Du?" von Harald Jochums aus Duisburg-Rheinhausen.

 

STRUKTURWANDEL - WO BIST DU?                                                                              18/8/17


1. STRUKTURWANDEL

Seit einigen Jahrzehnten geistert ein Begriff durch Unser Revier, von dem man sich so recht keinen Begriff gemacht hat, er gleichwohl enorm klingt: STRUKTURWANDEL.
Leider hat man es versäumt, sich die richtigen Fragen zu stellen. Anstattdessen hat man mit hohlen bis öden Begriffen um sich geworfen wie z.B. "Leuchtürme" (mitten auf dem Land!), "Meilensteine" (im Land der metrischen Systeme!) und "Rückbau". Letzterer bedeutete aber nichts weiter, als daß die Bagger anrollten und alles kurz und klein holzten, was typisch Revier ist, nach dem Motto: "Hau wech den Scheiß". Das Ganze wurde dann in Hochglanzbroschüren verpackt, in denen sich "Honorationen" ablichten durften. Und so fragen wir uns, wieso es bei den vielen Leuchttürmen immer noch düster aussieht und wir keine Meile vorankommen, die vielen Staus hierfür ein Symbol sein können.
Eins hat man dabei völlig vergessen: Die Menschen im Revier.
SIE waren es, die es maßgeblich mit aufgebaut haben und denen mit dem Niedergang der wirtschaftlichen Hauptsäulen Kohle und Stahl nicht nur die Arbeitsplätze, sondern ihr Lebensinhalt und damit ihr Lebensgefühl weggebrochen ist.
Sollten wir uns deshalb nicht besser fragen: Was können wir? Wodurch zeichnen wir uns aus? Wie läßt sich die überkommene Struktur beschreiben, was können wir davon erhalten, worauf können wir aufbauen? Wie können wir uns eine neue "Heimat" schaffen? Solche Fragen wurden nicht gestellt.
Wer ist aber "man"? Dabei handelt es sich um die entscheidenden Entscheider und sog. Experten aus Industrie und Politik. Wir Bürger wurden bestenfalls informiert, die Veranstaltung dennoch unter dem Motto segelten: "Bürgerbeteiligung". Ein weiterer hohler Begriff: Bürger beteiligt Euch, aber redet uns nicht rein.

2. DAS BEISPIEL DUISBURG

Am Beispiel Duisburg sind die inhaltsleeren 'Konzepte' gut aufzuzeigen. Das einzig vorzeigbare, verwirklichte Projekt ist der Landschaftspark Nord, ein stillgelegtes Hüttenwerk, das nach behutsamem Umbau zu nutzen und zu besichtigen ist. Und wer hat die entscheidenden Impulse dafür gegeben? Duisburger Bürger und Bürgerinnen. Wenn es nach dem Willen der schon genannten Entscheider gegangen wäre, könnten wir bestenfalls auf öde, mit riesigen, aus Trapezblechen zusammengeschusterten Zigarrenkisten vollgestellte Flächen gucken, in denen LKWs hin und herfahren und be- und entladen werden, wie in den Logports (z.B. in Rheinhausen als „Ersatz“ für das ehemalige Krupp-Hüttenwerk) zu "erleben". Oder uns in "Centern" und "FOCs" ergehen. 
Hierzu gibt es ebenfalls eine Hochglanzbroschüre, visionär mit "Duisburg 2027" betitelt. Ein Meisterwerk der Inhaltslosigkeit. Wie man z.B. "Nahtlagen" von Industrie und Stadt "entzerren" kann, können wir uns im "Grüngürtel Nord" in Bruckhausen ansehen (Bild 1). Dort wurden mit mehr als 50 Mio. Euro Steuergeldern viele hundert Menschen vertrieben, wertvolle, stadtteilprägende Bausubstanz aus der Gründerzeit des Stahlwerks Thyssen abgerissen und ein mit Betonmauern umwehrter sog. Park errichtet. Er sollte ursprünglich die Emissionen von Thyssen fernhalten. Das will nicht so recht gelingen, weil die Betonmauern nur 6, - m hoch sind im Vergleich zu der zerstörten Bebauung von 18,- m. Es ist also lauter und dreckiger als vorher. Ein neues Parkgefühl.  
Auch mit der Siedlung am Zinkhüttenplatz in Hamborn (Max Taut) wollte man ähnlich verfahren: Vertreibung der Bewohner und Abriß für ein mehr als fragwürdiges "FOC" (Factory Outlet Center). Leider haben sich die Bewohner an dem Planungsprozeß ungebührlich beteiligt und sich gewehrt (Bild 2). Nunmehr renoviert ein Investor des Vertrauens (gibt es also noch) die Siedlung - wiederum auf Betreiben der Bewohner und ihrer Unterstützer aus der Bürgerschaft. Die "Idee" eines FOC hat man aber deswegen nicht aufgegeben und will nun eins in der Nähe des HBFs bauen, was der Innenstadt den Rest geben wird. Das "Centro" in Oberhausen läßt grüßen. Dümmer geht's nümmer.
Überhaupt die Innenstadt, die hauptsächlich aus einer Straße, der Königstraße, besteht: Die versucht man nun seit vielen Jahrzehnten zu beleben. Überwiegend mit "Centern". Betrachten wir aber die 3 anderen Seiten dieser Shopping-Paradiese, wird's wieder düster. Von Belebung keine Spur, wie in meinem kleinen Video "Center in the City" nachzuvollziehen (siehe Link)
Der Amtsleiter des Planungsamtes hat es im Radio mal so zusammengefaßt: "Das A und O eines jeden Stadtplaners sind die Investoren." Unsere Städte werden also verkauft. Inhalts-, ideenloser und zerstörerischer geht's nicht mehr. Das Ergebnis sind Öde und Belanglosigkeit, die heute viele Städte auszeichnet.
Und: Warum studiert dann noch irgendjemand "Stadtentwicklung? "Investoren-Coaching" wäre doch angebrachter und effektiver. Von Bürgerbeteiligung aber keine Spur. Sie findet nur pro forma statt und wird von Politiker so ausformuliert: "Wir müssen den Bürger mitnehmen". Müssen? Warum nicht wollen? Und werden wir gefragt, ob wir überhaupt mitgenommen werden wollen? Und wenn ja, wer bestimmt das Ziel der Reise,  ... ?

3. GEHT ES ABER AUCH ANDERS ?

Wie an den Beispielen abzulesen, findet Demokratie bei uns nur pro forma und auf Druck von uns Bürgern statt. In Wirklichkeit leben wir in einer "wirtschaftsgesteuerten, feudalistischen Parteien-Oligarchie" (Eigenzitat) - feudalistisch, weil immer noch das meiste von oben nach unten bestimmt wird. Und die Wirtschaft kennt nur 1 Wert, nämlich, daß das Geld möglichst schnell dahin fließe, wo es sich am besten vermehrt - ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Verluste. Und die Parteien scheinen Themen unserer Gesellschaft auch nur nach einem Kriterium aufzunehmen und zu behandeln: Nützt das meiner Partei oder schadet es? Ansonsten werden uns Bürgern undiskutiert Begriffe wie Wachstum, Globalisierung, Digitalisierung um die Ohren gehauen. Ohne weitere Begründung versteht sich. Von inhaltlicher Diskussion keine Spur.

Zurück zur Stadt, der kleinsten Zelle einer Staatengemeinschaft: Wem gehört die Stadt eigentlich und für wen ist sie gebaut? Die Antwort scheint einfach zu sein: Uns Bürgern und Bürgerinnen. Die Stadt ist unser Lebensraum, wie ja auch Begriffe wie "Bürgersteig" signalisieren. Und der wird verplant und verkauft, ohne daß wir wirklich Einfluß darauf nehmen können?

Wie es auch anders geht, zeigen Städte wie z.B. Maastricht (Holland), Gent (Belgien), Aarhus, Kopenhagen (Dänemark), Portland (USA) und Liverpool (England) mit seinem Viertel "Granby Four Streets". Dort sind lebendige Städte und Stadtviertel entstanden. Überwiegend mit direkter Beteiligung der Bürger, die sich deshalb auch mit ihrer Stadt, ihrem Viertel identifizieren und ihre Energie (!) einsetzen können.

Ganz so einfach, wie es scheint, ist es hingegen nicht. Es hat z.B. keinen Sinn, politische und wirtschaftliche Dilettanten durch bürgerliche Dilettanten zu ersetzen, zudem es auch immer wieder Menschen bedarf, die bedachte Impulse geben - je ungewöhnlicher, desto besser. Und daß diese Impulse auch aufgenommen werden ...

Und da tut sich unser Revier schwer. Zu sehr lasten noch die alten hierarchischen Monostrukturen und Seilschaften auf unserem Denken. Wie oft habe ich nicht die unbewiesene Behauptung gehört: "Dat geht nich!"? Und diejenigen, die von den überkommenen Strukturen profitiert haben, mögen natürlich nicht von ihren Vorteilen lassen, sperren sich folglich jeglichen Veränderungen - es sei denn, sie sind in ihrem Sinne.

Zunächst müssen wir uns aber informieren und diskutieren, wie Stadt geht und wie Leben sinnvoll für uns ist. Ansonsten dilettieren wir nur weiter wie die städtischen und staatlichen Verweser und Verwalter. Einfach nur abzustimmen, wie in Volksentscheiden vorgesehen, reicht also nicht, wie leidvoll auch am sog. Brexit abzulesen. Wieviele Menschen, die darüber abstimmen konnten, wirklich die Folgen abschätzen konnten, bleibt fraglich, zumal die Diskussion eher plakativ und nicht inhaltlich bis hin zu demagogisch geführt wurde.

Und wo könnten wir das tun? Z.B. im Ratssaal, in einem "Haus der Bürger" oder auf den Marktplätzen - möglichst parteien- und ideologienlos. Im größeren Masstab gibt es so ein Haus der Bürger schon: Das alte, neue Parlamentsgebäude in Bonn, das, nur kurz bis zur Wiedervereinigung genutzt, nun leer steht. Mit diesem Gebäude hat übrigens der Architekt Günter Behnisch versucht, Demokratie zu bauen. Kein schlechter Versuch.
Habe selber ein Haus der Bürger in Berlin neben dem Kanzleramt vorgeschlagen und sogar einen konkreten Vorentwurf dazu gemacht. Der stieß bei den Bundestagsabgeordneten allerdings auf wenig bis garkeine Gegenliebe.

Und in welcher Form könnten wir uns organisieren? Z.B. in parteilosen, unabhängigen Bürgerräten. Claus Leggewie hat sie "Konsultative" genannt - und institutionalisiert, was ich für einen Fehler halte, wie ich selber in dem "Beirat für Stadtgestaltung" zu Duisburg erleben mußte.

Es steht uns also ein langer Weg bevor, bis wir alle zusammen gelernt haben, Demokratie zu verstehen und zu leben. Lassen wir uns aber nicht beirren und fangen wir an.
Hatte z.B. die Idee, mich mit einem selbstentworfenen, selbstgebauten, einfachen Stand auf die Haupteinkaufsstraße in Duisburg zu stellen mit der Frage: "Neuanfang - wo bist DU?" (Das Ziel "Neuanfang" hatten wir uns bei der Initiative zur Abwahl des OB DU Sauerland gesetzt, so tautologisch der Begriff auch ist). Vielleicht schaffe ich es noch vor der Bundestagswahl.
Und dann wird diskutiert. Schau'n wir mal, was dann geschieht ...

In Bochum hat übrigens der Journalist Richard. A. Fuchs kürzlich an mehreren Tagen in der Innenstadt eine Demokratie-Sprechstunde abgehalten. Auch eine gute Idee. -

 

Link: https://www.youtube.com/watch?v=Z-WRDRiSDI4

Photos: Der Verfasser / Bild 1: "Grüngürtel Duisburg-Nord" mit Mauer, Stahlwerk und alter Bebauung / Bild 2: Siedlung am Zinkhüttenplatz mit protestierenden Bewohner/innen

Harald Jochums (69) ist u.a. Architekt für Ökologisches Bauen in Duisburg-Rheinhausen. Er lebt in einem umgebauten Doppelwasserturm, der ursprünglich abgerissen werden sollte ...