Ein ökumenisch-institutionelles Pilotprojekt schafft auf beispielhafte Weise legale Einreisewege für Flüchtlinge.

Von Angela Huemer

Am 15.Dezember 2015 wurden in Rom wichtige Weichen gelegt: Vertreter des Innen- und Außenministeriums sowie der Chiesa Valdese, dem Verbund evangelischer Kirchen Italiens und der Comunità Sant’Egidio (eine 1968 in Rom gegründete und nunmehr in rund 70 Ländern präsente katholische Laienorganisation, bekannt für ihr soziales und gesellschaftliches Engagement) schufen mit ihrer Unterschrift einen legalen Zugangsweg für Flüchtlinge. Vorerst ist die Einreise von 1000 Flüchtlingen in den nächsten 24 Monaten gewährleistet, wobei die Finanzierung zur Gänze von den beiden kirchlichen Trägern geleistet wird.
Die Comunità Sant’Egidio hat eine jahrzehntelange Tradition in der Arbeit mit Ausgegrenzten, Armen und Flüchtlingen und für die protestantischen Kirchen ist dieses Projekt Teil einer weitreichenden Initiative, dem sog. Mediterranean-Hope-Projekt. Das umfasst ua. ein Beobachtungsbüro auf Lampedusa, ein Casa delle Culture in der kleinen sizilianischen Stadt Scicli, ein Begegnungszentrum sowie Flüchtlingsunterkunft.


Die im Rahmen des „corridoio umanitario“-Projekts einreisenden tausend Flüchtlinge erhalten ein Visum gemäß Art.25 der EU-Regelung 810/2009, wonach territorial beschränkte Visa ausgestellt werden können aufgrund humanitärer Gründe, nationalem Interesse oder internationalen Verpflichtungen. Diese Visa gelten nur für Italien, nicht für den Schengen-Raum. Einmal angekommen, können die Flüchtlinge einen Asylantrag stellen.
Das Anliegen ist, besonders gefährdeten Menschen eine sichere Flucht zu ermöglichen, schwangere Frauen, Kinder, alte und kranke Menschen. Für das Projekt hat man Büros in Marokko und Libanon eröffnet, ein weiteres ist in Äthiopien geplant, erklärt Daniela Pompei, Migrationsverantwortliche der Comunità Sant’Egidio. Das Pilotprojekt, so Pompei wird mit je 150 Schutzbedürftigen aus Marokko sowie 250 aus dem Libanon beginnen. Die Visa werden auf den jeweiligen Botschaften ausgestellt, dem Innenministerium liegt eine Liste der Einreisenden vor.
Mit dem Projekt, so Pompei, will man vor allem zeigen, dass es mit den bereits bestehenden legalen Möglichkeiten der EU möglich ist, legale Einreisewege zu schaffen um so den Schleppern das Handwerk zu legen und zu verhindern, dass sich Schutzbedürftige in Lebensgefahr begeben.
Am 4.Februar kamen am Flughafen Fiumicino in Rom die ersten Flüchtlinge an, eine vierköpfige Familie aus Homs, Yasmine, Suleyman und ihre Kinder Hussein und Falak. Falak ist sechs Jahre alt und hat aufgrund eines bösartigen Tumors ein Auge verloren. Ihr zweites Auge soll im Kinderspital Bambin Gesù in Rom gerettet werden. Die Familie zeigte sich überglücklich und dankbar, die Medienresonanz war groß und Yasmine rührte die Journalisten besonders, als sie einen alten italienischen Schlager anstimmte, „lasciate mi cantare, sono un italiano“ (lasst mich singen, ich bin Italiener).
Bleibt zu hoffen, dass das Projekt tatsächlich Nachahmer findet im Rest Europas.

Abgedruckt in: Sozialistische Zeitung 3-2016